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Maltechnologien im Schaffen von Manila Bartnik

von Dirk Manzke

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Die Kultur des Nomadentums dürfte vor 10.000 Jahren ihr mythisches Ende gefunden haben. Damals wurde, so die Spuren nachweisbarer Befunde, im Vorderen Orient der Ackerbau entwickelt. Damit verbunden ist die Geschichte der Sesshaftwerdung des Menschen. Aus ihr entstanden Städte, Völker, Staaten. Schließlich Besitz und Macht. Heute scheinen wir diesen Epochewechsel von der Naturgeschichte zur Kulturgeschichte unumkehrbar als unsere Daseinsform angenommen zu haben.
Verbunden mit diesen Entwicklungen ist auch eine Ortsetzung der Künste. Mögen etwa die Cardial- oder Impressokultur entlang der östlichen Adriaküste oder die Hinterlassungen der Kupfersteinzeit manch Unergründliches bewahren, sie sind für uns auffindbare Verortung des visuellen Schöpfungswillens. Sie sind Ausdruck erster Ankunft des einst nomadisch lebenden Menschen. Sie sind der Beginn einer für uns fassbaren und verbindlichen Kunstgeschichte.
Mit den digitalen Medien, die in den Industrieländern die gesamte Lebensart bestimmen, scheint sich eine interessante kulturelle Wahrnehmung abzuzeichnen. Während wir weitestgehend am Besitz als Ergebnis eigener Sesshaftigkeit hängen, können wir uns mit den neuen Medien virtuell nomadischer Daseinsformen bedienen und im Netz um die halbe Welt surfen. So gerinnt unser Tun zu weltweit austauschbarer Information, die sich in einer Datei vergegenwärtigen lässt. Ohne Wirkung kann das auf die Künste und ihre sich ständig weiter entwickelnden Kulturtechniken nicht bleiben. Die Entwicklung des iPhone führte als Impuls einer erneuten Erneuerung medialer Kulturtechniken ab 2007 sofort zu künstlerischen, geradezu akuten Interventionen. Die technische Faszination des smart mobil umspülte in wenigen Tagen und Wochen die gesamte Welt und strömte zügig in die Künste ein.
Manila Bartnik etwa ist eine Künstlerin, die sich über ihr an der Universität Osnabrück geschultes Verständnis traditioneller Maltechniken dem digitalen Zeichnen und Malen fasziniert und begeistert zuwendet. Vom malerischen Studium über Figur und Raum kommend, hat sie begonnen, ihre Inhalte auf dem iPhone malerisch zu nutzen. Ihre spezifische Motivation entspringt dabei der zunächst gängigen Vorstellung, in kürzester Zeit weltweit zu Austausch und Kommunikation zu gelangen. Der Beginn des digitalen Zeichnens ist für sie verbunden mit dem Betreten völlig veränderter Felder künstlerischer Techniken, aus denen sich neue Wahrnehmungen und Wirkungen entfalten lassen müssen. Während die traditionelle Malerei im allmählichen Entstehen und Ausbreiten zum kulturellen Träger künstlerischen Ausdrucks reifte und reift, setzt nun parallel mit der Übertragung des traditionellen Sehens auf die digitalen Medien eine neue Hochgeschwindigkeit in der Wahrnehmung und Umsetzung ein. Als Inspiration dürfte dabei die völlig einfache, äußerst leicht handhabbare und unkompliziert transportierbare Gerätschaft des iPhone selbst gewirkt haben. So ist für Manila Bartnik das Atelier beinahe ein Ort in der Hosentasche geworden. Wären da nicht professionelle Partner beim Drucken und Belichten der eingespeicherten Bilddaten erforderlich, bliebe das digitale Zeichnen und Malen mit dem Austausch tradierter Atelierkosten gegen mobile Reisekosten verbunden, denn der weltweite Informationsaustausch ist auch verbunden mit einem neuen leibhaftigen und offenen Reisen. Das digitale Zeichnen leitet eine neue Form nomadischen Agierens ein, bei dem die Künstlerin überall und in kürzester Zeit unmittelbar tätig und wirksam werden kann, um wenig später eine selbst gewählte Öffentlichkeit herzustellen. Sein Tun ist zugleich Atelier und Galerie, ist Erkunden und Kommunizieren, ist Schaffen und Reflektieren ineinander verschränkt. Die Bildoberfläche des neuen Ateliers ist eine kalte Scheibe, die keinen Kontakt zum Original zulässt und stattdessen Distanz zwischen der Künstlerin und ihrem Kunstwerk sichert. Dabei ist das Original die Datei, die sich unkompliziert im Internet austauschen lässt. Mit dieser Austauschbarkeit verbunden ist zugleich ein verändertes haptisches Handeln. Manila Bartnik zeichnet mit den Fingerspitzen. Ein paar leichte Fingerbewegungen auf dem touch screen und schon ist unter Verwendung des Programms Brushes ein unbeschwerter Schnellkontakt zwischen Idee und Umsetzung gesetzt. Auf dieser Basis lässt sich dann künstlerisch weiter agieren, weiter verdichten, Farbe setzen, Wirkung entfalten. Für Manila Bartnik kommt es dabei auf die Verschmelzung von Leichtigkeit und Unmittelbarkeit an. Ihre Erfahrungen im Kontakt mit Papier und Leinwand werden zeitgemäß erweitert um ein Agieren auf der glatten, kalten iPhone- Scheibe, bei deren Hautkontakt sofort Bildmomente ausgelöst und angezeigt werden. Dies sind die Momente, wo die Künstlerin mit ihrem Bild am nächsten im Kontakt ist, obwohl es eigentlich nicht da, nicht greifbar ist, keinen Kontakt, keine Materialität zulässt. Das Bild selbst muss erst durch Kommunikation und erweiterte Kompetenz geschaffen werden. Dies erreicht Bartnik durch die Versendung der Bilddatei an ein Fotoinstitut, wo das Bildwerk auf Alu-Dibond vergrößert und schließlich mit Acrylglas kaschiert wird. Natürlich entstehen so neue Abhängigkeiten, jedoch sind mit ihnen auch Momente interaktiven Probierens und Experimentierens verbunden. Damit, so möchte man meinen, erweitert sich auch der Autorenkreis des schließlich entstandenen Kunstwerkes. Und gerade deshalb sieht sich Manila Bartnik nicht als eine Künstlerin, die im Atelier einsam agiert. Sie versteht sich eher als begeisterte Partnerin und Sucherin nach dem noch Unbekannten, deren Grenzen sie begonnen hat, auszuloten. In schlichten, jedoch farbintensiven Bildthemen wie Frauenporträts, Stadtansichten oder Landschaften findet sie eine Brücke zwischen traditionellem Malverständnis und aufbegehrenden Medienverständnis. Die Künstlerin will dabei keinesfalls auf tradiertes Arbeiten verzichten. Nein, sie bewahrt sich genügend Mitteilungsvertrauen in ältere Darstellungstechniken, während sie zugleich begeistert sein kann über die Erweiterung ihrer Maltechnologien. Damit verweist sie auf ein gegenseitiges Aufeinanderangewiesensein beider Formen künstlerischen Zugangs. Sind die digitalen Darstellungen erst einmal aus dem Fotoinstitut zurückgekommen, offenbaren sich neue Bildwirkungen. So erwiesen sich ihre jüngsten Frauenporträts durchaus zugleich als traditionell und medial, indem sie wie auf einen Monitor schimmernd den umliegenden Raum mit einspiegelten. Die neue Seherfahrung zeigt zudem, dass die Porträts mit ihrer transparenten, eigentümlich tiefen Farbigkeit etwas Verwegenes, Geheimnisvolles bewahren. Unbedingt hätte man das als Ergebnis digitalen Medienzeichnens nicht erwartet. Doch es zeigt, wie sehr diese neuen Darstellungsformen auch auf traditionelle Erscheinung angewiesen sind.
So bewegt sich Manila Bartnik hin zu künstlerischen Erfahrungen, deren Ergebnisse Zwischenbildnisse sein könnten in einer Epoche der Neuverortung der Kunst zwischen sinnlicher Wahrnehmung und virtuellen Raum.
Die gegenwärtig entstehende mobile Kunst dürfte dabei neue, gleichsam spurlose Spuren in die Geschichte der Kunst eingeben. Womöglich war es das, was zu unserer vergleichsweise jungen Geschichte der Sesshaftwerdung führte, nämlich der Wunsch, unserem Dasein etwas Spur, Hinterlassung und damit Dauer zu verleihen. Dass die digitalen Kunstformen diese Dauer zu überwinden suchen, ist nicht zu erwarten. Doch eine Erweiterung künstlerischer Praktiken vollzieht sich allemal.

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